Markus Hofmann - Blog

Resilienz oder der Stehaufmännchen-Effekt - Was die Psyche stark macht

Wie können wir unser Gehirn und den Geist so stärken, dass wir den widrigen, unstetigen Arbeitsbedingungen und der geforderten Flexibilität entspannt begegnen? Wie können wir aus unseren Kindern starke, unerschütterliche Persönlichkeiten machen. Was lässt sie gegenüber unangenehmen Ereignissen mehr oder weniger unerschütterlich werden?

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Heute beschäftigen wir uns mit dem Begriff der Resilienz - oder auch dem Stehaufmännchen-Effekt. Wie können wir unser Gehirn und den Geist so stärken, dass wir den widrigen, unstetigen Arbeitsbedingungen und der geforderten Flexibilität entspannt begegnen? Wie können wir aus unseren Kindern starke, unerschütterliche Persönlichkeiten machen. Was lässt sie gegenüber unangenehmen Ereignissen mehr oder weniger unerschütterlich werden?

In den letzten Artikeln mit den Themen ADHS und Ritalin, sowie schulischer Sprachunterricht habe ich auf die Schwächen im Bildungs- und Gesundheitssystem hingewiesen und alternative Herangehensweisen beim Umgang mit dem lernwilligen Nachwuchs vorgeschlagen. Dieses Mal möchte ich einen Bereich vorstellen, der uns helfen kann aus unseren Kindern, aber auch aus uns selbst flexible, kreative und unerschütterliche Persönlichkeiten zu machen.

Mehr  individuelle Achtsamkeit für jeden einzelnen anstelle der, vor allem im Bildungssystem vorherrschenden, Gleichschaltung, ist hierbei aus meiner Sicht die vorherrschende Prämisse.

Bei Kindern steht der Aufbau einer starken Bindung zu einer Bezugsperson oder die Stärkung der Kommunikationsfähigkeit des Kindes in Krisensituationen im Fokus. Hierdurch werden die allgemeine Widerstandsfähigkeit sowie das Selbstwertgefühl innerhalb der Gruppe gezielt unterstützt.

Dieser Ansatz entstammt der Resilienzforschung, welche die innere Widerstandsfähigkeit untersucht. Menschen mit einer hohen Resilienz besitzen die Fähigkeit schwere Schicksalsschläge und ungeplante Veränderungen leichter zu überstehen.

Ziel ist es die Gründe für diese Widerstandsfähigkeit aufzudecken, um möglichst schon frühzeitig in der Erziehung die richtigen Weichen zu stellen oder auch um Trainingsmethoden für Erwachsene zu entwickeln.

Damit wir verstehen,  wo wir selbst ansetzten können, um eine positivere Geisteshaltung zu entwickeln, bietet das Thema Resilienz auf jeden Fall interessante Ansatzpunkte. Da Resilienz offensichtlich in engem Zusammenhang zu geistiger Flexibilität und Kreativität steht, möchte ich Ihnen im Folgenden einen Überblick über das Thema geben.

 

Unerschütterliche Kinder

Die ersten Forschungsansätze basieren auf Beobachtungen der US-amerikanischen Forscherin Emmy Werner. Sie untersuchte in den 50er-Jahren 700 Kinder einer Gemeinde auf Hawaii. Die Kinder wuchsen in sehr schwierigen Verhältnissen auf, so dass von einem wenig positiven Lebensverlauf auszugehen war. Einige von ihnen waren später jedoch beruflich erfolgreich und gründeten Familien, andere brachen die Schule ab und wurden straffällig.

Daraus entstand die Annahme, dass Menschen, die unter ungünstigen Umständen aufwuchsen oder traumatische Erfahrungen durchlebten, zwar häufig mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, es aber auch Personen gibt, die sich scheinbar von nichts aus der Bahn werfen lassen. Dies wurde seit der ersten Untersuchung von Emmi Werner in zahlreichen Studien untermauert.

Und auch wenn diese Menschen von schwersten Schicksalsschlägen umgehauen werden, stecken sie diese nach kurzer Zeit weg und stehen wieder auf.

Woran liegt es, dass Manche über solch starke seelische Abwehrkräfte verfügen?

 

Lernbar oder erblich?

Psychologen, Genetiker und Neurobiologen versuchen den Ursachen für eine starke Psyche auf den Grund zu kommen, um so frühzeitig die seelische Widerstandskraft, besonders auch bei Hoch-Risiko-Kindern, zu fördern und die Erkenntnisse ins Erwachsenentraining zu integrieren. Während Genetiker und Neurobiologen den Schlüssel zur Resilienz im Erbgut suchen, versichern Experten aus der Psychologie, dass Resilienz lernbar sei. Wichtig ist die Einstellung, die der Betroffene zu seinem Leid hat, denn: "Seit Jahrtausenden müssen Menschen Krisen bewältigen", sagt Dipl.-Psychologisch Lilo Endriss. "Es wäre blauäugig, davon auszugehen, man bleibe verschont."

 

Der Glaube an sich selbst

Diese Sicht, dass auch einem selbst jederzeit etwas Unangenehmes passieren kann, macht es leichter, seine eigene Situation realistisch zu beurteilen. "Resiliente Menschen haben die Fähigkeit, sich zu distanzieren, sich nicht überwältigen zu lassen“. Sie stellen sich wie ein Unbeteiligter gedanklich neben sich, schauen sich die Lage an und handeln anschließend.

Entscheidend ist dabei der Glaube an sich selbst. Wie bei der Verbesserung der Gedächtnisleistung ist es wichtig, dass Sie nicht schon zu Beginn die Flinte ins Korn werfen. Mit einer „das schaff ich eh nicht“ Einstellung bremsen Sie sich nur unnötig aus. Doch dies fällt nicht allen gleich leicht.

Begeistert von sich selbst zu sein, stolz auf sich zu sein, ist etwas, was so Mancher erst lernen muss. "Selbstwirksamkeitsüberzeugung" nennt Karl-Günther Theobald von der Opferschutzorganisation Weißer Ring diese Gabe. Sie sei das Gegenteil von Schicksalsgläubigkeit, erklärt der Psychotherapeut. Menschen, bei denen dieser Faktor stark ausgeprägt ist, haben das gute Gefühl, Situationen durch ihr Handeln positiv beeinflussen zu können.

 

Mit Humor und gemeinsam geht alles leichter

Laut Endriss stellt auch Humor einen entscheidenden Faktor dar. "Humor kann man nur aus der Distanz entwickeln." In einem Ausnahmezustand helfe er, nicht die Fassung zu verlieren.

Lachen ist also in jeder Hinsicht förderlich für Gehirn und Psyche.

Kinder und Erwachsene, die in Studien als resilient galten, wurden als gut gelaunte, freundliche und herzliche Menschen beschrieben, die sich schnell neuen Bedingungen anpassen. Gehen Sie also neugierig in die Welt hinaus, seien Sie offen für neue Menschen und Situationen, aber versuchen Sie nicht das Unmögliche alleine zu stemmen.

Resiliente Menschen nehmen in einer Krisensituation viel leichter Hilfe an. Nicht resiliente Menschen zerbrechen laut Endriss oft an ihrer Trauer, weil sie sich allein fühlen. "Und weil sie denken: Das muss ich doch alleine wuppen können." Doch dies ist nur in den seltensten Fällen der Fall. Nur wer zugibt, dass er überfordert ist, dem kann geholfen werden.

Resilienz oder der Stehaufmännchen-Effekt © Fotolia 2015 / Björn Wylezich

Frühzeitige Unterstützung

Ein Fehler sei es auch, die Situation nicht zu akzeptieren. "Man muss akzeptieren, was nicht zu ändern ist. Das ist bitter, es befreit aber auch." Für diese Geisteshaltung scheint es jedoch wichtig zu sein, dass bereits im Kindesalter einige wesentliche Faktoren zusammenkommen.

Als wichtige Unterschiede bei resilienten Kindern im Gegensatz zu emotional Auffälligen konnten im Wesentlichen festgestellt werden:

  • Stabile emotionale Beziehung zu einem Erwachsenen (nicht unbedingt die Eltern).
  • Menschen, die als soziales Vorbild dienen und zeigen, wie Probleme konstruktiv gelöst werden können.
  • Früh Leistungsanforderungen zu bewältigen (ein Amt in der Schule, die Versorgung jüngerer Geschwister etc.).

 

Ein Recht auf Fehler

Vorwiegend unterscheiden sich Stehauf-Menschen von anderen Menschen darin, dass sie ihr Leben nach  den Richtlinien der sog. ‘Selbstverpflichtenden Zielbindung’ und nicht nach der sog. ‘Leistungsorientierten Selbstwertbindung’ ausrichten. Falls sie einmal einen Fehler, eine Krise oder einen großen Misserfolg erleben, dann nehmen sie diese Begebenheit nicht persönlich, da sie ihr Selbstwertgefühl von negativen Ereignissen abgekoppelt haben.

Leider bilden unsere Systeme die Menschen in der Regel  nach den Richtlinien der ‘Leistungsorientierten Selbstwertbindung’ aus: Habe ich einen Erfolg erzielt, dann bin ich o.k., also ein ehrenwerter Mitmensch - habe ich einen Misserfolg zustande gebracht, dann bin ich nicht o.k., bin persönlich auch ein Misserfolg, im schlimmsten Falle ein totaler Versager. Diese unglückselige Verknüpfung von Leistung und Selbstwertgefühl führt dazu, dass viele Menschen ein unzufriedenes Leben führen und ihr Selbstwertgefühl und ihr Wohlbefinden sehr schwach ausgeprägt sind. Ihr niedriges Selbstwertgefühl bremst sie aus und begünstigt es, dass sie zur Rettung eines niedrigen Selbstwertgefühls die Verantwortung für Misserfolge und Krisenbewältigung ablehnen. Sie schieben die Verantwortung entweder einer anderen Person oder den Umständen zu und verhindern damit häufig auch die Schadensbegrenzung. Sie verzichten darauf, ihre Probleme in die Hand zu nehmen und behindern sich selbst bei der Weiterentwicklung ihrer Fähigkeiten. Langfristig führt diese Haltung zu einer großen Lebensunzufriedenheit.

 

Resilienz lernen?

Die gute Nachricht aber ist: Resilienz kann, sofern sie nicht angeboren ist, in allen Lebensphasen erworben werden. Wie beim systemischen Denken ist es mit fortgeschrittenem Alter zwar nicht leichter, aber bei entsprechender Motivation jederzeit möglich. Begreifen Sie sich als ein ständig entwickelndes und wandelbares Wesen.

Um sich nach und nach zu einem widerstandsfähigen Menschen zu entwickeln, gilt es folgende Eigenschaften vermehrt zu trainieren und zu stärken:

  • Beziehungsfähigkeit
  • Hoffnung
  • Selbstständigkeit
  • Fantasie
  • Kreativität
  • Unabhängigkeit
  • Humor
  • Entschlossenheit
  • Mut
  • Einsicht
  • Reflexion

Hierzu hat Essling als überschaubares praktisches Handwerkszeug ein 7 Säulen umfassendes Konzept entwickelt, das die genannten Eigenschaften fördert:

  • Optimismus
  • Selbstakzeptanz
  • Lösungsorientiertheit
  • Fähigkeit zur Selbstmotivation
  • Die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen
  • Aufbau und Pflege eines stabilen sozialen Umfeldes
  • Eine umsichtige und realistische Gestaltung der eigenen Zukunft.

Diese und weitere Resilienzfaktoren können durch Coaching mit passenden Methoden gezielt entdeckt und weiterentwickelt werden.

Auch das Wissen um die eigene Selbstwirksamkeit lasse sich trainieren, sagt Theobald. Manchmal helfe zum Beispiel schon ein Selbstverteidigungskurs.

Eines ist dabei jedenfalls sicher. Wenn Sie nicht bereit sind ihre bekannten Muster zu verändern und neue Wege zu beschreiten, werden Sie nichts verändern. Dies gilt für die Psyche ebenso wie für das Gehirn.

 

Machtlos gegenüber den Genen?

Zu Beginn habe ich erwähnt, dass Genetiker und Neurobiologen den Schlüssel zur Resilienz im Erbgut suchen. Und es gibt erste Erkenntnisse, dass auch hier ein Zusammenhang besteht.

In einigen Studien der letzten Jahre wurden genetische Faktoren bekannt, welche die Resilienz fördern sollen. So soll ein Protein bedeutsam sein, das im Gehirn das Glückshormon Serotonin transportiert. Andere Forscher sehen einen Zusammenhang zwischen der psychischen Widerstandsfähigkeit und der Aktivität eines Enzyms, das unter anderem das Stresshormon Adrenalin abbaut. Gewissheit gibt es aber noch lange nicht und der Psychiater Klaus-Peter Lesch von der Universität Würzburg dämpft die Erwartungen: „Die Genetik steht in Sachen Resilienz am Anfang. Wir gehen davon aus, dass mehr als 700 Gene darauf Einfluss nehmen. Wir kennen aber gerade mal zehn.“ Deshalb sprechen Forscher vorsichtig von „genetischer Verwundbarkeit“. Tatsächlich gehen erbliche Faktoren und äußere Bedingungen bei der Resilienz Hand in Hand, und zwar „in etwa je zur Hälfte“, erklärt Lesch.

 

Erste Erkenntnisse aus der Resilienz-Forschung

In einem Versuch an Mäusen wurde festgestellt, dass durch eine kleine Änderung in der DNA-Sequenz, etwa der Austausch der Basen Adenin und Thymin, die Wahrscheinlichkeit, dass eine Maus ängstlich und depressiv wird, deutlich erhöht. Die ängstlichen Tiere schieden wesentlich mehr vom Stresshormon Cortisol aus.

In einer anderen Studie mit Mäusen wurde nachgewiesen, dass ein niedriger Spiegel des Botenstoffs Vasopressin im Gehirn eine geringere Stressanfälligkeit nach sich zieht. Diese Erkenntnisse sind interessant, jedoch nicht automatisch auf den Menschen übertragbar.

Eine kleine Sensation war eine neuseeländische Studie aus dem Jahr 2003 mit 1000 menschlichen Probanden. Die Forscher kamen einem Abschnitt des Erbguts auf die Spur, der auf den Serotoninstoffwechsel einwirkt und daraufhin bereits als Glücksgen gefeiert wurde. Dieser Erbfaktor, genannt 5-HTTLPR, tritt in zwei Varianten, einer kurzen und einer langen,  auf. Die lange Variante sorgt dafür, dass größere Mengen Serotonin im Gehirn verfügbar sind. Hatten die Probanden von den Eltern eine Mischung oder zwei Kurze vererbt bekommen, hatten sie ein deutlich höheres Risiko für eine seelische Belastung oder Depression.

 

Psychologie schlägt Genetik

Doch bereits 2009 entmystifizierte eine Studie mit mehr Teilnehmern das sog. Glücksgen. Es wurden Daten von 14.000 Probanden ausgewertet und ein direkter Zusammenhang konnte nicht nachgewiesen werden.

Eine Untersuchung von Hurrikan Opfern lässt hingegen zumindest ein Zusammenspiel von Umwelt und Erbe vermuten. So hatten Personen mit der kurzen Genvariante eine stärkere Neigung zu einer posttraumatischen Belastungsstörung. Jedoch nur, wenn sie besonders wenig Unterstützung erhalten hatten.

Ein gut funktionierendes Netz scheint also belastende Erlebnisse abfangen zu können, obwohl die genetischen Voraussetzungen eher ungünstig waren. Dies stärkt die Ansätze der Psychologen, die ich im ersten Teil geschildert habe. Denn solange keine neue Studie weitere Erkenntnisse bringt, scheint es aktuell, dass der psychologische Ansatz den Genetischen unterdrücken kann.

Warten Sie also nicht auf die Anti-Stress-Pille. Die Welt bietet ihnen viele glückbringende Möglichkeiten, ihre Stressanfälligkeit zu reduzieren und ganz sicher fangen Sie schon auf dem Weg dorthin an, von sich selbst begeistert zu sein.