Die kollektive Intelligenz

Lass dir beschreiben, was ich auf der letzten Convention der GSA in München erlebt habe. Wir – die Teilnehmer – waren aufgefordert, die Anzahl der roten Spielfiguren in einem durchsichtigen Behälter zu schätzen. Jeder durfte seinen Tipp abgeben. Am Ende der Veranstaltung wurde der Behälter geöffnet und die genaue Anzahl der Spielsteine gezählt sowie der Durchschnitt aller abgegebenen Schätzungen berechnet. Unglaublich war, wie extrem die Tipps auseinander lagen. Die niedrigste Schätzung lag bei 237 Steinen bis hin zum Maximalgebot von 17.547 Steinen. Der errechnete Durchschnitt bei 110 abgegebenen Schätzungen lag bei 1.019 Steinen. Jetzt halte dich fest. Die genaue Anzahl der Steine betrug: 1.024 Steine. Phänomenal, nicht wahr? Das, was sich dahinter verbirgt nennt man kollektive Intelligenz.

Die kollektive Intelligenz ist die Intelligenz (Fähigkeit zum Erkennen von Zusammenhängen und zum Finden von Problemlösungen) eines Kollektivs, also eines sozialen Gebildes. Sie ist der Intelligenz der Individuen der Gruppe weit überlegen.

 

Kollektive Intelligenz macht unbekannte Unfallstellen ausfindig

Die kollektive Intelligenz ist ein Phänomen, das Forscher aus verschiedenen Fachrichtungen seit Jahren beschäftigt. Die amerikanische Soziologin Kate Gordon führte bereits in den zwanziger Jahren ein einfaches Experiment mit 200 Studenten durch, die die Aufgabe hatten, einige Gegenstände nach ihrem Gewicht zu sortieren. Das Ergebnis: Fast auf den Punkt genau hat der Durchschnitt aus allen Schätzwerten die realen Werte getroffen. Dieses Experiment wurde vielfach wiederholt und abgewandelt – immer mit dem gleichen Ergebnis: Der Durchschnitt hat recht. Ein Fall sorgte 1968 für besonderes Aufsehen: Das U-Boot USS Scorpion war auf dem Grund des Atlantiks verschollen. Das Suchgebiet war viele hundert Quadratkilometer groß und die Bergungsschiffe suchten bereits seit Tagen vergeblich nach dem U-Boot. Bis der Marineoffizier John Craven einen ungewöhnlichen Versuch startete:

Er versorgte möglichst viele Wissenschaftler mit den wenigen Daten die es zu dem Unglück gab, und bat sie unabhängig voneinander auf die Position der USS Scorpion zu wetten. John Craven bildete dann den Mittelwert aus allen gelieferten Koordinaten und das U-Boot wurde sofort gefunden. Nur 200 Meter neben der berechneten Stelle.

Wenn wir das Prinzip des Mittelwerts weiterdenken, so stellt es jede Art von Expertentum in Frage. James Surowiecki führt in seinem Buch „Die Weisheit der Vielen“ aus: „Wir nehmen intuitiv an, dass Intelligenz übergreifend sei und das Menschen, die in einem geistigen Bereich hervorragend sind, es auch sonst seien. So ist das aber mit Experten nun einmal nicht. Die fundamentale Wahrheit lautet: Sachverstand und fachmännisches Können sind, um W.G. Chase zu zitieren, geradezu spektakulär eng begrenzt. Wichtiger noch: Es gibt keine ernsthafte Bestätigung dafür, das irgendjemand in Bezug auf so allgemeine, umfassende Dinge wie Entscheidungsfindung oder Strategie überhaupt zum Fachexperten werden kann.“

Interessanterweise liefern die Schätzexperimente nur dann sehr gute Ergebnisse, wenn neben einem hinreichend großen Kollektiv a) keine Kommunikation zwischen den Individuen stattfindet und b) die Meinung der Gruppe nicht durch Einzelne beeinflusst ist.

Es darf also nur die Dyade zwischen dem Individuum und der Fragestellung geben. Wenn die Menschen miteinander diskutieren, oder ein Meinungsbildner das Wort ergreift, wird das Ergebnis schlechter. Wenn der Kandidat bei Günther Jauch zu viel über die seiner Meinung nach richtige Antwort erzählt oder gar sagt:“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass Antwort A richtig ist, weil…“ sollte er den Publikumsjoker für diese Frage nicht mehr bemühen.

Die kollektive Intelligenz ist die Intelligenz, die die Fähigkeit zum Erkennen von Zusammenhängen und zum Finden von Problemlösungen hat

Die Fragestellung ist also: Wie kann das Prinzip des Mittelwertes, also der Aggregation der individuellen Meinungen bei einer großen Gruppe so angewendet werden, dass eine kollektive Intelligenz entsteht? – Mit einem Markt.

Märkte, wie z.B. Entscheidungs- oder Vorhersagemärkte, sind, richtig konfiguriert, der Meinungs- oder Trendforschung überlegen und liefern sehr intelligente Antworten auf einfache Fragestellungen. Unternehmen wie Google und HP nutzen intern solche Märkte bereits sehr erfolgreich.

Märkte können komplexe Fragestellungen jedoch nicht beantworten. Wenn es im Unternehmen um eine komplexe Problemlösung geht oder um Themen wie Strategieentwicklung oder Innovation brauchen wir andere Lösungsansätze. Wie wir bei James Surowiecki gelernt haben, können uns Experten nicht wirklich weiterhelfen.

Das Mittel der Wahl ist dann meist ein Workshop. Gerade wenn solche wichtigen Fragestellungen bearbeitet werden sollen, ist die Teilnahme der kollektiven Intelligenz an dem Workshop unabdingbar. Doch du ahnst es bereits – sie wurde zwar eingeladen nur erscheinen tut sie nicht. Das hat Gründe. Die kollektive Intelligenz ist ein sehr scheues Reh und wenn auch nur einer ihrer Feinde anwesend ist, bleibt sie der Veranstaltung fern.

Feinde der kollektiven Intelligenz könnten u.a. sein:

 

Hierarchie

Hierarchie kann zu Gruppen-Fehlverhalten führen. Die Wortmeldung des Chefs hat ein höheres Gewicht als die des „einfachen“ Angestellten. Die Stimme des Vorgesetzten beeinflusst das Abstimmverhalten der Untergebenen z.B. beim Punktekleben auf Pinnwänden. Ein schlimmes Beispiel für ein gravierendes Gruppen-Fehlverhalten durch Hierarchie ist die Columbia Katastrophe im Jahr 2003. Die Chefin des Bodenkontrollteams hatte sich frühzeitig nach dem Start festgelegt, dass die Schäden an den Hitzekacheln harmlos seien. Die Kritiker wurden nach und nach überzeugt. Die Columbia verglühte beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.

 

Meinungsbildner

In jeder Gruppe gibt es die Charismatischen, die Extrovertierten, die Wortgewandten, denen wir unbewusst Kompetenz zuschreiben, und deren Wortmeldung die Gruppe beeinflusst.

 

Homogenität

Verfügen die Mitglieder einer Gruppe alle über ein ähnliches Wissen und haben alle ähnliche Landkarten (= Abbildungen der Realität) im Kopf, so trägt der Einzelne wenig zum Ergebnis bei und es entsteht eine Art „kollektive Blödheit“.

 

Kleingruppe

Die Sozialpsychologen sprechen ab 30 Personen von einer großen Gruppe. Damit Mr. KI zur Veranstaltung kommt, brauchen wir jedoch mehr Teilnehmer. Je mehr, desto besser.

 

Gleichschaltung

Werden die Teilnehmer zu Beginn der Veranstaltung erst mal eingeordnet, verdrückt sich Mr. KI in der ersten Kaffeepause.

 

Gruppenzwang

Ein von dem Psychologen Solomon Asch in vielen Varianten durchgeführtes Experiment verdeutlicht die Macht des Gruppenzwangs. Er bat 10 Gruppen von jeweils 10 Studenten die Längere von zwei gezeichneten Linien zu bestimmen. In jeder Gruppe waren neun Stundenten eingeweiht. Obwohl die eine Linie deutlich länger war, schloss sich der Proband in allen Fällen dem Fehlurteil der Gruppe an. Auch die hartnäckigsten Kritiker fanden irgendwann einen Winkel aus denen sie die Linien so betrachten konnten, dass die kürzere Linie länger aussah.

 

Diskussion

Diskussion als Feind der kollektiven Intelligenz?! Ja, tatsächlich. Cass R. Sunstein hat in seinem Buch Infotopia die Ergebnisse von Diskussionen in Gruppen untersucht. Die überraschende Erkenntnis: Die Diskussion taugt nur sehr bedingt zur Informationsvernetzung und Effekte der Polarisierung verzerren das Ergebnis.

Ist auch nur einer dieser Punkte erfüllt, entspricht die Performance der Gruppe noch maximal der Performance der besten Mitglieder. Die Ergebnisse müssen dadurch nicht zwangsläufig schlecht sein, sie sind jedoch weit von dem entfernt, was möglich wäre.

Das Thema kollektive Intelligenz erhält auch in der Forschung immer mehr Beachtung. Am MIT wurde ein Center for Collective Intelligence gegründet, dass sich mit der zentralen Fragestellung:“ How can people and computers be connected so that – collectively – they act more intelligently than any individuals, groups, or computers have ever done before?“ beschäftigt.

Mit dem Thema kollektive Intelligenz beschäftigt sich u.a. die Firma Connectinc – Eine Division der Campus Computersysteme e.K. Mit ihrer Methode HELIUS(R)- Collective Intelligence Workshops konnten sie schon spannende Ergebnisse erzielen.

Markus Hofmann Blog Die kollektive Intelligenz

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