Mythos Monogamie – Warum Liebe keine Treue braucht

Mythos Monogamie – Warum Liebe keine Treue braucht

 

Ja, ich weiß, eine sehr provokante These und was hat das mit Gedächtnistraining zu tun? Bevor wir hier jedoch tiefer in die Materie eintauchen, solltest du verstehen, was in unserem Gehirn abläuft, wenn es um die 3 wichtigen Eckpfeiler Sex, Bindung und Verliebtheit geht.

Beziehungsmodell Liebe Monogamie Partnerschaft Treue

Warum Liebe keine Treue braucht

Wenn wir mit einer Person Sex haben, kann das völlig unabhängig von Liebe und Partnerschaft stattfinden, KANN diese aber begründen helfen. Denn beim Sex wird Dopamin ausgeschüttet. Dopamin begünstigt die Verliebtheit und das gleichzeitig freigesetzte Oxytocin verstärkt die Bindung. Somit schafft Sex eine Nähe und Vertrautheit, die weiterem Sex den Reiz nimmt. Das ist blöd!

Anders betrachtet kann sich Bindung und das Gefühl von Vertrautheit aus sexuellem Kontakt ergeben – aber auch aus den Verhaltensweisen des Verliebtseins. Mehr noch: Bindung scheint das Ziel von Sex und Verliebtheit zu sein. So hemmt die für die Bindung typische Hormonlage diejenigen Botenstoffe, die den Sex und das Verliebtsein befeuern. Noch blöder!

Der dritte Aspekt der Verliebtheit gilt bei vielen Psychiatern als Zustand teilweiser Unzurechnungsfähigkeit. Auch hormonell weist einiges darauf hin: ein niedriger Serotoninspiegel bedeutet fast zwangsneurotische Hirnzustände, ein hoher Dopamin- und Noradrenalinspiegel steht für eine herzrasende Dauerjagd nach Belohnung (durch mehr Nähe, Sex). Ganz blöd! Jetzt haben wir den Salat und befinden uns mitten im hormonellen Liebes-Trilemma.

Vereinfacht ausgedrückt: je mehr Sex wir mit einem Partner haben, umso mehr fühlen wir uns mit dieser Person verbunden, was gleichzeitig die sexuelle Lust mit diesem Partner wieder hemmt.

 

Wie hängt das nun mit dem „Mythos Monogamie“ zusammen?

Mittlerweile scheint in der Gesellschaft eine Einsicht angekommen zu sein, die Biologen und Anthropologen seit Langem vertreten: Die wenigsten sexuell aktiven Lebewesen auf diesem Planeten neigen zu lebenslangen Beziehungen mit nur einem Partner. Befreit von Konventionen, Versorgungsansprüchen und Fortpflanzungszwang, beschäftigen sich Männer und Frauen wieder vermehrt mit der Frage, wie sie es eigentlich auf Dauer miteinander aushalten können – und ob sie es überhaupt sollten.

Vor allem Biologen haben den Mythos zerstört, Monogamie sei ein allgemeines Erfolgsmodell der Natur. Noch in dem Film „Sodbrennen“ von 1986 rät der Vater der Heldin, die sich über ihren untreuen Gatten beschwert: „Du willst Monogamie? Heirate einen Schwan!“ Heute wären Wissenschaftler mit solchen Ratschlägen vorsichtiger. Als ein Team um Raoul Mulder von der Universität Melbourne per DNS-Analyse die Herkunft der Küken von Schwarzen Schwänen testete, erwies sich eines von sechsen als Ergebnis eines Seitensprungs. Und auch den Blaumeisen wurde längst notorisches Fremdgehen nachgewiesen.

 

Selbst Tiere leben nicht alle monogam

Dabei fiel zugleich ein weiterer Mythos: Es zeigte sich, dass nicht nur Männchen sondern auch die Weibchen fremdgehen. Zoologen unterscheiden mittlerweile zwischen sozialer und sexueller Monogamie und spekulieren über den Nutzen sogenannter Extra-Paar-Kopulationen. Meisenfrauen könnten dadurch zum Beispiel bessere Gene für den Nachwuchs „shoppen“.

Unter den Säugetieren, so schätzen Biologen, leben nur drei bis fünf Prozent monogam. Überraschungen nie ausgeschlossen. So überführten die Forscher der Universität von Florida sogar die Präriewühlmäuse, die lange Jahre als Herolde der Monogamie galten: sie bleiben zwar ein Leben lang zusammen, betrügen sich aber regelmäßig. Die Autoren der Studie resümieren: „Diese Trennung von sozialer und sexueller Treue führt uns ironischerweise zu der Annahme, dass Präriewühlmäuse noch bessere Modelle für die menschliche Bindung sind, als wir bislang dachten.“ Und auch Schimpansen und auch Bonobos beeindrucken Primatenforscher immer wieder durch ihre ausgelebte Freizügigkeit. Sie folgen damit dem biologischen Programm, das in allen Lebewesen wirkt und mit Macht fordert: Verbreite deine Gene!

 

Monogamie = Standardmodell der Menschen

Vermutlich ist es eher 2.000 Jahren Christentum zu verdanken als der menschlichen Grundausstattung, dass die auf Dauer angelegte, exklusive Zweierbeziehung des Menschen in unseren Breiten immer noch als Standardmodell gilt. Wer über die Kulturen und Zeiten hinweg schaut, kommt zu anderen Ergebnissen: Von 1.154 Gesellschaften etwa, die in einer ethnografischen Datenbank an der Yale-Universität gelistet sind, kennen mehr als 1.000 eine sozial akzeptierte Form der Mehrehe. Nach einer anderen Standardquelle, dem „Ethnographic Atlas“ von G. P. Murdock, sind sogar nur 17 Prozent von 560 verzeichneten Gesellschaften in irgendeiner Weise sozial monogam, von sexueller Treue ganz zu schweigen.

Versorgte zum Beispiel der Mann die Familie und die Frau hütete die Kinder, wie es die Arbeitsteilung der beginnenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert verlangte, war eine Trennung für beide mit Risiken verbunden. Für die Frau, weil ihre ökonomische Lebenssicherung und die ihrer Kinder auf dem Spiel stand. Und für ihn, weil er seine familiären Investitionen zu vergeuden drohte.

Diese ökonomischen Bedingungen, die Mann und Frau plötzlich als Verdiener und Versorgte aneinanderfesselten, waren eine seltene historische Ausnahme, ebenso wie die dazugehörige Norm der Liebesehe. Die Regelung lag damit nun nicht mehr bei Staat und Gesellschaft, sondern beim Einzelnen. Als revolutionär, als neue Freiheit wurde diese Idee begrüßt: sich nicht aus Pflicht, sondern aus Liebe zu binden.

 

Monogamie bedeutet, ein Risiko einzugehen

Heute sehen sich Forscher bestätigt, dass dieses Modell nur ein Kompromiss war: Wie kräftig hält das weiter dominierende romantische Ideal Partnerschaften zusammen, wenn zugleich die Trennung so einfach möglich ist wie selten zuvor in der Geschichte? Die Bedingungen haben sich geändert, und man sieht, wie instabil die Verhältnisse sind. Der Ehemann ist kein Alleinversorger mehr, und falls ausnahmsweise doch, stehen im Trennungsfall Sozial- und Rechtsstaat fürs Auskommen der Frau ein, ebenso wie für seine Interessen an den Kindern.

Liebespartner sind heute fast risikofrei austauschbar, und diese neue Freiheit wird gern genutzt. Etwa ein Drittel aller Ehen wird geschieden, eine wachsende Mehrheit Iebt seriell monogam und lässt der einen die nächste feste Beziehung folgen. Die Sexualforscher Gunter Schmidt in Hamburg und Kurt Starke in Leipzig befragten vor einigen Jahren 776 Deutsche im Alter von 30, 45 und 60 Jahren nach den Beziehungen, auf die sie zurückblicken. Demnach hatten die 30-Jährigen bereits mehr feste Partnerschaften (3,6) hinter sich als die 60-Jährigen (2,7). „Kalt formuliert: Der Beziehungsumsatz pro Leben steigt“, sagt der Heidelberger Sexualforscher Ulrich Clement. Aber das ist „von außen beschrieben, das sind nicht die Motive der Betreffenden. Wenn man nach den Motiven fragt, dann wollen die meisten die eine große Liebe.“ Niemand spreche von seinem Lebensabschnittspartner.

Monogamie - Was besagt das Modell?

Jeder könnte treu sein, doch nicht jeder ist es!

Hinzu kommen Erkenntnisse wie diese: Der sexuelle Selektionsvorteil des Mannes besteht in seiner Möglichkeit, mit vielen Frauen pro begrenzter Zeiteinheit viele Kinder zu zeugen. Warum sollte dieser Vorteil nicht gefördert sein? Natürlich kann jeder treu sein, doch nicht jeder ist es. Und auch Frauen pflanzen sich optimal mit wechselnden, aber sorgfältig ausgesuchten Partnern fort, weil neben genetischer Qualität auch genetische Vielfalt die Sterberisiken des Nachwuchses mindert.

Jedenfalls gehen Frauen angeblich geschickter fremd als Männer. Ihre Seitensprünge fallen tatsächlich seltener auf, nur in 58 Prozent der Fälle, bei Männern in 63 Prozent. Noch vor zehn Jahren stellte der amerikanische Genetiker Bradley Popovich fest: Zehn Prozent der Kinder, die im Rahmen von Erbkrankheiten-Screenings in den USA getestet wurden, waren nicht von ihren gesetzlichen Vätern gezeugt.

Spricht dies alles dafür, dass der Mensch bestenfalls ein Kurzzeit-Monogamist ist, müsste er zurzeit ein so problemloses Beziehungsleben führen wie selten zuvor in der Geschichte. Schließlich kann er lieben wen und wie lang er will. Es gibt immer mehr offene Partnerschaften, in denen geregeltes Fremdgehen zulässig ist, es gibt Swinger, die den kalkulierten Seitensprung auf Klubs begrenzen, es gibt die Bewegung der Polyamoren, die viele Liebesbeziehungen zugleich unterhalten. Im Internet finden sich en masse annoncierte Interessen jeder denkbaren Richtung, und es existiert kaum noch eine sozial geächtete Beziehungsform.

 

Monogamie – perfektes Beziehungsmodell?

Doch das perfekte Beziehungsglück hat sich offensichtlich trotzdem nicht eingestellt. Denn es gibt auch mehr Ratsuchende in Beziehungsfragen als jemals zuvor. Hat das Unglück neue Nischen gefunden? „Das riesige Angebot heute macht sexuelle Authentizität zum höchsten Gut: die Klarheit darüber, was man eigentlich will“ sagt der Heidelberger Paartherapeut Arnold Retzer. Entsprechend nähmen Menschen ihre Beziehungen heute ernster als früher „und geben sich umso weniger mit Kompromissen zufrieden. Sie ertragen nur ein bestimmtes Maß an Unzufriedenheit. Zum Beispiel trennen sie sich eher, als einen lebenslangen Kompromiss zu ertragen“, sagt Ulrich Clement.

Der Bruch mit dem Ideal des „Alles-mit-einem-für-immer“ ist nur spielerisch vollzogen: Liebe und Sex, tiefe Verbundenheit und Intimität, so zeigt sich, lassen sich leicht entkoppeln – doch klar soll sein, dass sie im Ernstfall wieder zusammenkommen können. Dazu öffnen Paare ihre Beziehung und verabreden, was erlaubt und was verboten ist – so wie auch Polyamore nach eigenem Bekunden die meiste Zeit damit beschäftigt sind, Klarheiten zu schaffen: über ihre Gefühle, über Eifersucht. Und empfehlen nicht auch Eheratgeber ähnliche kleine Distanzen in Beziehungen einzubauen, zum Beispiel durch Rollenspiele oder Verabredungen zu Gesprächen über geheime Wünsche, damit Nähe wieder möglich wird?

Auf diese Weise suggerieren die neuen Freiheiten und Ratgeber heute, alles gehe, wenn man es nur richtig anstelle: Liebe, Sex – und warum nicht auch ein partnerschaftliches Zusammenleben? Dieses „Anything-goes“ unterdrückt jedoch die Einsicht, dass es sich dabei um einander widersprechende Sehnsüchte handelt. Und weil der Widerstreit nirgends so klar zutage tritt wie in monogamen Beziehungen, beschreiben Forscher das Drama am liebsten an deren Beispiel: Zu Beginn sei die Hormonlage frisch Verliebter, sein sinkender, ihr steigender Testosteronspiegel und beider Verhalten darauf gerichtet, sich aufeinander einzustellen. Jeder tut nach Kräften, was dem anderen gefällt. So entsteht zwar eine feste soziale Bindung. Doch nicht nur beim Sex, auch im Alltagsleben passiert es dadurch leicht, dass man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigt und vergisst zu fragen: Was möchte ICH eigentlich?“, sagt Ulrich Clement. Eine Frage, die irgendwann im Gewand erster Unzufriedenheiten auftaucht.

 

Intimität und Nähe

Viele Paare, die therapeutische Hilfe suchen, so die Paarforscherin Astrid Riehl-Emde, klagen über „Kommunikationsprobleme“: wenn die Gemeinsamkeiten zum Korsett geworden sind, und die unterschiedlichen Interessen, die das Zusammenleben reizvoll machen könnten, nur noch in Form unaussprechlicher, als gefährlich geltender Wünsche existieren – oder in Affären. Schließlich braucht es, um Nähe und Intimität auszuleben, ein Mindestmaß an Fremdheit und Distanz, welchen Sinn und Zweck sollte Intimität sonst haben? Folgerichtig steht irgendwann der Sinn der Zweisamkeit in Frage.

„Intimität und Nähe setzen immer ein gewisses Maß an Differenzierungsvermögen, ein starkes Selbstgefühl voraus“, sagt der amerikanische Psychologe und Sexualtherapeut David Schnarch. „Sonst beginnen Partner, unter gegenseitiger Rücksichtnahme und deren Verletzungen zu leiden'“ Das romantische Ideal ebenso wie das Feuer der frischen Leidenschaft beflügelten zwar „Fantasien des emotionalen Miteinanderverschmelzens“, doch nur klare Distanz bewirke, dass der Wunsch nach Nähe erhalten bleibe. Erfüllen sollte sich der Verschmelzungswunsch nach Möglichkeit nicht. Das wussten schon die mittelalterlichen Minnesänger: Nur unerfüllte Leidenschaft ist wahre Leidenschaft.

 

Durch Monogamie steigt die Lebenserwartung

Ob Biologie, Ehealltag oder sexualtherapeutische Erfahrung: Wenig spricht dafür, dass sexuelle und soziale Monogamie ein Erfolgsduo bilden. Doch sind beide durch einen trügerischen Kitt miteinander verbunden – durch die Liebe, wie Paarforscher einhellig bestätigen. Sie kann aus anfänglicher Sympathie, seltener auch aus sexueller Intimität zur tiefen Freundschaft reifen. Einerseits. Dann nährt sie den Wunsch zusammenzuleben, wie heute mehr Menschen als jemals zuvor demonstrieren. An die 60 Prozent der Ehen bestehen bereits seit 45 und mehr Jahren, weil die Lebenserwartung steigt. Doch andererseits macht die Liebe das Drama monogamen Lebens auch erst richtig kompliziert, denn der Mensch hat keinerlei Macht über sie. Liebe muss gar nicht erst für andere entflammen, um eine bestehende Beziehung zu zerstören, sie kann der Ehe auch von innen gefährlich werden.

Der Grund: „Liebe und Ehe sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge, die ganz eigenen Spielregeln gehorchen. Ehen und ähnliche Partnerschaften sind auf Tauschgerechtigkeit gerichtete Vertragsverhältnisse zwischen zwei geschäftsfähigen, gleichberechtigten Menschen. Die Liebe hingegen ist zweckfrei, man kann sie nicht vertraglich eingehen. Man kann nicht einmal beschließen, eine Liebesbeziehung zu haben. Man hat sie einfach und muss feststellen, dass man sie nach den Anforderungen der Ehe, zum Beispiel nach der Geburt des ersten Kindes, als solche nicht fortsetzen kann“, sagt Retzer.

 

Irrationalitäten können die Ehe retten

In diesem Fall empfiehlt es sich wieder einmal, auftretende Differenzen zu nutzen, statt sie nach romantischer Auffassung als Gefahr für die Gemeinschaft zu verstehen. Wer differenziere, könne umschalten zwischen zwei Regelwerken: auf die Ehe, wenn die Liebe in der Organisation des Alltags an ihre Grenzen gelangt, zwischen Windelwechseln, Einkäufen und Terminflut. Und auf die Liebe, wenn nach Ehemaßstäben Zwist unvermeidlich wird. „Vergeben“, „Verzicht“, „sich positive Illusionen über den Partner machen“ – die Irrationalitäten der Liebe können die Ehe retten, lassen sich aber auch ebenso leicht durch ehevertragliche Ansprüche zerstören, die in die Liebessphäre übertragen werden: Was wäre zum Beispiel der gerechte Ausgleich für dein nächtliches Aufstehen, um das Kind zu versorgen? Was kostet ein vergessener Begrüßungskuss? Was wiegt eine Affäre auf?

In Liebesbeziehungen gibt es keine objektiv konvertible Währung, die Gerechtigkeit garantiert, wie die Soziologin Christine Wimbauer in ihren paarökonomischen Studien festgestellt hat: Selbst Geld hat nur die ihm jeweils zugewiesene Bedeutung. Verdient es der Künstler, der mit der Supermarktchefin zusammenlebt, kann es in deinen Augen mehr wert sein als ihr eigenes, weil es Ausdruck der Romantik ist, die er ihrem Alltag verleiht.

 

Bleibe gelassen und spontan!

In solch emotionaler Währung lässt sich nicht aufrechnen. Besonders heikles Beispiel dafür: der Sex – auch so eine Sache für frei zugewiesener Bedeutung. „Soll er Ausdruck von Liebe sein, hängt viel von ihm ab. Steht er für die funktionierende Beziehung, dann ebenfalls. Je bedeutungsvoller Sex in einer Beziehung wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er überhaupt vollzogen wird“, erklärt Retzer. Denn Mythen über Sex (er soll so bleiben wie am Anfang; regelmäßig ist wichtig; stimmt die Liebe, gibt es keine Probleme), wie simple Ratgeberliteratur sie massenweise verbreitet, schaffen Pflichten auf Feldern, die natürlicherweise spontan, mal lustvoll oder auch einfach mal gar nicht bespielt werden. Auf diesem wie in allen Beziehungsfeldern raten Paarforscher einhellig: Übt euch in Gelassenheit!

Keine leicht zu erfüllende Aufforderung für Menschen, die dem romantischen Imperativ gefolgt sind und an ihn glauben: „Finde die Liebe deines Lebens!“ So wirbt ein Plakat am Empfang im elften Geschoss jenes Hamburger Hochhauses, in dem Parship residiert, nach eigenen Angaben mit acht Millionen Klienten deutscher Marktführer der Online-Partnervermittlungen.

Parship hat ein „wissenschaftlich fundiertes“ Suchsystem installiert. Mithilfe eines Psychotests, bestehend aus 72 Fragen und 400 vorgegebenen Antworten wird von jedem interessierten Single ein Persönlichkeitsprofil erstellt, das aus 32 Merkmalen besteht. Danach wird der passende Partner gesucht.

 

Gegensätze ziehen sich an

„Der Spruch ,Gleich und gleich gesellt sich gern“, stimmt nur bedingt. „Das ist alles viel komplizierter“, sagt die Psychologin Sandra Spreemann, die den Test für Parship erstellt hat. „Angenommen, da kommen zwei Menschen mit wenig Aktivitätsbedürfnis zusammen, das mag ja am Anfang für beide angenehm sein. Aber nach ein paar Jahren ist die Luft raus, und sie sitzen nur noch auf der Couch. Also sollte einer aktive Impulse mitbringen.“ Auch nicht gut: Wenn beide immer mit dem Kopf durch die Wand wollen; besser passe der Ausgleichende zum Sturkopf. All das lasse sich mit den Tests wunderbar zusammenpuzzeln.

Für viele Suchende eine offenbar äußerst verlockende Aussicht: maximale Rationalität, die zugleich dem Bedürfnis nach romantischer Liebe gerecht wird. Garantien nämlich gebe es keine, man könne nur das Potenzial für eine Beziehung ermitteln, und es hänge an jedem selbst, was er daraus mache, sagt Spreemann.

Über Eigenschaften und die typische Dauer vermeintlich besonders geschickt eingefädelter Beziehungen, wie sie über Parship zustande kommen, gibt es zwar keine Erhebungen. Aber Paarforscher wagen Prognosen: Wo Menschen die romantische Wahlfreiheit optimal nutzen und mit marktrationalen Entscheidungen die Liebe suchen, ist mit Retzers Worten ,,die Enttäuschungssensibilität besonders hoch“. Als gutes Beispiel dafür gelten auch die Eheverträge, die sich seit der Scheidungsrechtsreform von 1977 und dem nachehelichen Unterhaltsanspruch zu stapeln begannen: Sie variieren dieses Recht, um Enttäuschungsmöglichkeiten gering zu halten – und die Zahl der Scheidungen stieg seither weiter deutlich an. So zeigt sich heute und vermutlich auch in Zukunft immer wieder: Je schlauer und konsequenter der Mensch es angeht, desto unwahrscheinlicher wird sein Projekt Monogamie.

Markus Hofmann Blog Mythos Monogamie - Warum Liebe keine Treue braucht

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Kommentare
  • Elke
    Antworten

    Als ex-romantisches 50+ Weibchen kann ich diesem Beitrag nur zustimmen!

    Die junge Frau sucht nach Sicherheit, welche ihr, in der Kindheit, oft nicht gegeben wurde, da das kleine Mädchen in ihrem Sein nicht angenommen wurde und wird.

    Ein Teufelskreis, welche Mütter und auch Väter leider noch immer nicht unterbrechen.

    Falsche Werte und Glaubenssätze nehmen diesen kleinen Wesen ihr Selbstbewusstsein und stecken diese in ein Korsett.

    Auch ich habe diesen Weg bei meinen Töchtern eingeschlagen und in späteren Jahren erkannt, welche Auswirkungen, dies in ihrer Beziehung zur Folge hat.

    Ich nehme noch immer wahr, dass eine junge Frau, welche ihre Freiheit in der Sexualität lebt, als „freizügig“ und „flaterrhaft“ eingestuft wird.

    In der Männerwelt wird diese junge Frau nicht gerne als langfristige Partnerin in Betracht gezogen.

    Auf die Freizügigkeit der jungen Männer gehe ich hier nicht näher ein.

    Wir sind aufgefordert „Gelassenheit“ in unsere Beziehungen zu bringen und uns nicht Gegenseitig in einen „goldenen Käfig“ zu sperren.

    Jeder Einzelne von uns braucht viel mehr Selbstliebe um diese nicht von Außen zu verlangen.

    Alles Liebe 😉

    • Markus Hofmann
      Antworten

      Hallo liebe Elke, danke für dein Feedback!
      LG_ Markus

  • Jennifer
    Antworten

    An und für sich klingt das ja durchaus plausibel und auch ich habe mich schon des Öfteren mit dem Thema auseinandergesetzt. Jedoch komme ich immer wieder zu dem Punkt, dass ich mich Frage, ob wir Sexualität nicht einen viel zu hohen Stellenwert geben?
    Wenn essentiell wichtige Entscheidungen auf Grundlage von Sexualität getroffen werden, geht da mMn sehr viel Energie für drauf, welche auch dafür genutzt werden könnte, um z.B. etwas zu kreieren, was der Welt weiterhilft.
    Ich persönlich habe immer wieder beobachten können, dass die leidenschaftlichsten Beziehungen mit vielen Höhen und Tiefen zwar spannend waren, jedoch genau deswegen auch sehr Energiezerrend. Seitdem ich in einer Beziehung bin, welche wesentlich ruhiger und ja, vielleicht auch wesentlich „langweiliger“ ist, habe ich genügend Energie, um mich nicht nur mit mir und meine Persönlichkeitsentwicklung zu beschäftigen, sondern auch mehr Energie, um mein Business aufzubauen, welches der Welt einen Mehrwert gibt.
    Gleichzeitig bin ich durchaus zufrieden mit meiner Beziehung.
    Als ich vor ca. 4 Jahren, Anfang meiner 20iger, eine Therapie besuchte, meinte meine Therapeutin einen Satz zu mir, der mir bis heute im Gedächtnis ist:
    „Wenn Sie einen herausfordernden Job haben, ist zusätzlich eine herausfordernde Beziehung zu viel. In einem Bereich der beiden Bereiche brauchen Sie Ruhe. Entweder in Ihrem Job oder in Ihrer Beziehung. Beides zusammen raubt so viel Energie, dass Sie sich weder auf das eine, noch auf das andere konzentrieren können und folglich nicht nur auf der Stelle stehen bleiben, sondern Emotional erschöpft sind.“
    Das ergab für mich sehr viel Sinn.
    Am Ende kann es natürlich jede:r machen wie er oder sie will. Mich beunruhigt nur immer wieder der starke Fokus auf Sex. Denn auch wenn Sex dazu gehört und schön ist, sollte er niemals über Menschenverstand und der Verantwortung gegenüber anderen Menschen (und der Welt) stehen.

    Danke für den Input!
    Liebe Grüße

  • Leila
    Antworten

    Naja, es ist ja schon mehr oder weniger gesagt worden: Viele sind zu blöd um richtig zu kommunizieren und leben sich deshalb im Außen aus.
    Wer fremd geht hat ja auch nur begrenzt diesen Reiz des Unbekannten.
    Für mich ist das nur Verlagerung des eigentlichen Problems: Sich selbst diesen Reiz nicht erfüllen zu können.
    Dann wird es auf den Partner bezogen und die Leute meinen sie bräuchten was anderes von Außen.
    Jede Droge wird irgendwann langweilig und dann? Gibt’s nix Neues mehr und man fühlt sich immer noch leer, egal wie viele Sexualpartner da jetzt waren.
    Man sieht ja an den Befragungen sehr schön, dass die Leute eigentlich durchweg nach einer langen Bindung suchen (der großen Liebe). Wir wollen etwas das uns auf lange Zeit erfüllt. Das kann aber auf Dauer weder eine Beziehung, noch 275 wechselnde Geschlechtspartner. Das können wir nur selbst.
    Man schaue sich mal Werbung an…wir werden beschossen mit Lustbefriedigung. Kein Wunder, dass wir die Erfüllung im Außen suchen. Wenn man den Partner als Vervollständigung der eigenen Person sieht, kann man damit nur auf die Fresse fallen. Sich selbst erforschen statt manisch zu suchen, ohne komplett rücksichtslos zu werden, das könnte funkktionieren.

    • Franz Bauer
      Antworten

      Ja Markus! Verborgen hinter Gräsern sieht man sich kaum.
      Ab so 60 geht’s unaufhaltsam Richtung Monogamie. Die Frauen sind weniger begehrenswert oder suchen sich was Jüngeres.
      Wir Männer schielen auf die jüngeren Frauen, denen wir schliesslich zu alt sind.
      Das relativ höhere Testosteron der in die Jahre gekommenen Frauen lässt sie oft sexuell aktiver werden, falls sie einen guten Sex erleben. Das wär jetzt unsere Aufgabe. Bei uns Männern lässt sich ja mit moderner Medizin altersunabhängig viel zaubern. Und in Ermangelung anderer Partner aus vorher genannten Gründen wird die Partnerschaft so (wieder?) zusammengeschweisst.
      Hierbei ist natürlich die gegenseitige Abgrenzung von Bedeutung. Wie bei der Polyamorie kommt jeder nach seinem schönen Erlebnis zurück und ist zu neuen Aktivitäten bereit.
      Franz 70+

  • Leila
    Antworten

    Was ich mich gerade noch frage: Wie sieht es laut diesem Beitrag mit sogenannten Demisexuellen aus?
    Also denen, die keinen Sex mit Menschen haben können, zu denen sie nicht bereits eine Bindung haben?
    Laut diesem Beitrag dürfte es die ja nicht geben, denn Bindung hemmt sexuelle Lust. Gelten die dann bisher als universelles Paradox? xD

  • Leila
    Antworten

    Ich komm aus dem Grübeln gar nicht mehr raus ehrlich gesagt…
    mal angenommen jeder würde so vorgehen, dass er seine Gene möglichst weit verbreitet, weil das ja wohl zu einer besseren Varietät führt.
    Das…kann dann aber auch schnell mal ungewollt zu Inzest führen, wenn jeder im Dorf mit jedem was hatte.
    Und das wiederum…führt zu Behinderungen.

    Also manches mag ja stimmen. Aber viele Sachen hinken total hier finde ich.

  • Anke
    Antworten

    Lieber Markus, ich danke dir von Herzen so sehr für diesen Beitrag.

    Dies sind Themen und Bereiche, welche von so vielen noch tabuisiert werden und doch betrifft es so viele. Diese Themen sind für viele nicht aussprechbar, weil sie sich direkt bewerten und die Schuld bei sich oder in den Umständen suchen, es aber so gerne verstehen möchten und nicht können.

    Es ist an der Zeit, alte Mythen aufzuklären, zu hinterfragen, zu überprüfen und nicht mehr dem Standard oder einem „ich muss es so machen“ hinterher zu laufen und frei zu entscheiden, was für sich der passende Weg ist.

    Danke für deinen Mut, dieses Thema öffentlich zu

    Ganz viel Liebe zu dir aus Köln in deinen Tag ♥

  • Dennis
    Antworten

    Wir glauben, daß es wirkliche Monogamie nicht gibt. In unserem freundes- und Bekanntenkreis wissen wir nur von einem einzigen Paar nichts darüber, daß da mal jemand fremdgegangen wäre (kann sein daß da jemand fremdgeht – wir wissen es nur nicht). Bei allen anderen Paaren die wir kennen ist mindestnes einer von beiden mindestens einmal fremdgegangen.
    Wir leben hier die Beziehung offen, und fahren seit etwa einem Dutzend Jahre sehr gut damit.

  • Beate
    Antworten

    Lieber Markus,
    bei mir hat der Artikel einen Eindruck hinterlassen von einem mechanistischen Weltbild, wo Unmengen von Daten gesammelt werden, um auch dieses Thema letztlich monetär auszuschlachten. Die Menschen, von denen hier die Rede ist, sind ihrer Würde beraubt und funktionieren in berechenbaren, langweiligen Mustern.
    Was Mensch sein oder Mensch werden bedeutet, ist hier nicht erkannt. Alles in dieser Welt ist aus polaren Kräften hervorgegangen, eine erotische Vereinigung ist etwas Heiliges, und Treue ist die Folge der Liebe, wenn sie nicht als Ausschließung anderer verstanden wird. Diese Welt braucht eine komplett andere Kultur, eine Liebe ohne Lüge und ein solidarisches Umfeld von gegenseitiger Unterstützung. Ups, das ist zu viel verlangt. Ich glaube nicht, denn „alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit“ (Nietzsche) Herzliche Grüße von Beate

  • Viva
    Antworten

    … gerade bei einem so großen und vor allem auch jungen Publikum, wünschte ich mir mehr Erhalt von ohnehin zerfallenden Werten und Normen unserer Gesellschaft. Wobei ihre Argumentation auf jeden weiteren Sexpartner ebenfalls abturnend zutreffen würde. Welche Familie kann Polygamie überstehen? Wünschenswert wäre zumindest, wenn das Tabu vor der festen Beziehung gelüftet wird. Wie geht es sonst den Treuen oder den Kindern damit. oder ist es dann doch wieder geheim? Wo ist der Aspekt, was das Teilen eines Partners/ Elternteils mit unserer Seele macht? Oder werden wir zu Pinguinfamilien und leben bald alle unter einem Dach? Zumindest um die Lebenshaltungskosten zu stemmen. Meine Meinung: Polys sollen unter sich bleiben und gar nicht erst feste Beziehungen eingehen, dann haben sie Spaß. Die standhaften Familien kümmern sich derweil ohne in diesem Punkt gedemütigt zu werden um den Fortbestand.

  • Ilka
    Antworten

    Lieber Markus,
    so ist es, Monogamie als das wahre Sorglosmodell ist eine Vorstellung wie in einem Hollywood-Drama. Ja, auch ich glaubte mal an DIE große Liebe, die einzig wahre, aber naja – das Leben sieht das etwas anders. Und so bin ich irgendwann auf das Thema Polygamie gestoßen.
    Ich fand es zunächst absolut nicht attraktiv, schon garnicht als Frau. Und so war ich mit meinem Sack Vorurteile unterwegs. Ich bin innerlich von einer Hölle durch die andere gegangen und habe nach und nach die Vorurteile, vorallem auch zum Thema Sex abgelegt. Ich erkannte, dass vieles an was geglaubt hatte (im wahrsten Sinne des Wortes), nicht unbedingt meine eigenen Gedanken waren. Ich hatte sie übernommen.
    Nun gut. In unserer Gesellschaft gibt es alles mögliche, aber seltsamerweise ist Polygamie nicht erlaubt. Menschen, die sich dafür entscheiden, dürfen höchsten polyamor sein. Aber warum ist das eigentlich so?
    Ich habe mich lange damit auseinandergesetzt.
    Wie Du es so schön beschreibst… in der Natur ist Vielfalt das Programm. Und es hat gute Gründe.
    Was also hat mich am Ende eines langen Weges nun davon überzeugt?
    Es ist eine seeehr lange Geschichte und deshalb mach ich es jetzt kurz und zähle die wichtigsten Punkte auf:
    Polygamie, ist für mich gemeinsames Wachsen und Reifen in einer Beziehung und absoltuer gegenseitiger Verlass aufeinander und zugleich trägt ein Mann auch eine hohe Verantwortung, dass alle Beteiligten in dieser Beziehung glücklich sind (geht sicher auch bei der Polyandrie, doch damit habe ich mich nicht auseinandergesetzt). Es ist nicht einfach, seinen Partner zu teilen, aber es ist ehrlich und ich finde es besser als Fremdgehen, das immer auch eine Lüge beinhaltet und viel mehr verletzt.
    Wenn sich alle einig sind, hat das für alle seine Vorteile. (Das wäre aber hier zu lange zu erklären, ich habe darüber bereits schon fast ein ganzes Buch geschrieben und das ist kein Witz).

    Ich freue mich, Markus, dass Du so mutig bist und eine offene Diskussion in dieser Gesellschaft anstösst. Man mag es kaum glauben, aber obwohl anscheinend alles möglich ist, ist ein offener, ehrlicher und wertschätzender Umgang zum Thema Sex und Liebe noch längst nicht wirklich möglich.
    So unendlich viele Vorurteile.
    HERZLICHEN DANK und ich freue mich noch mehr von Dir dazu zu hören.

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